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22.09.2023
Mit Aiwanger in der „Wahlarena“: Stimmenfang im Schatten der Affäre

Schwandorf (Der Neue Tag - 22.09.2023)

Nach den turbulenten Wochen der Flugblatt-Affäre macht Hubert Aiwanger Wahlkampf in Schwandorf – im TV stellt er sich den Fragen von Bürgern. Wir konnten hinter die Kulissen blicken und vor allem ganz genau auf den Chef der Freien Wähler.

Um 19.41 Uhr kommt Hubert Aiwanger in Schwandorf an. Der stellvertretende Ministerpräsident, Wirtschaftsminister und Freie-Wähler-Chef ist entspannt. Das ist ihm anzusehen. Während er in die Oberpfalzhalle schreitet, hat er sein bekanntes spitzbübisches Grinsen aufgesetzt. Das Sakko hängt lässig über der linken Schulter, den rechten Arm nutzt er für Handschläge, als er auf die ersten Gäste im Empfangsbereich trifft. Obwohl es auch einen Seiteneingang gibt, geht Aiwanger vorne rein – so wie alle Bürgerinnen und Bürger das an diesem Mittwochabend zuvor eben auch getan haben. „Lassen sie euch noch nicht rein? Müsst ihr anstehen, oder was?“, fragt er die Menschen. Die Botschaft ist klar: Ich bin einer von euch, ein Mann aus dem Volk. Dann geht er an ihnen vorbei. Im Gegensatz zu ihnen darf Aiwanger nämlich schon ins Studio.

Der Freie-Wähler-Chef ist zu Gast bei der „BR24-Wahlarena“, dort wird er sich circa eine halbe Stunde lang den Fragen von Bürgerinnen und Bürgern stellen. 95 Menschen aus dem Umkreis von 40 bis 50 Kilometern sind gekommen – also aus der ganzen Oberpfalz. Ausgesucht wurden sie von Infratest Dimap, einem Anbieter von Wahl- und Politikforschung in Deutschland. Laut Angaben des Bayerischen Rundfunks stellen diese 95 Menschen einen Querschnitt der wahlberechtigten Bevölkerung in Bayern dar. Außerdem wird betont: Von Redaktionsseite werden den Menschen keine Fragen vorgegeben. Sie sollten sich aber um die Landesoder zumindest die Bundespolitik drehen.

Vorwurf der Kampagne

Es ist 19.47 Uhr. Aiwanger schreitet in Schwandorf durch die dunkle Sporthalle auf die hellerleuchtete „Wahlarena“ in der Mitte zu. Hinter ihm liegen ereignisreiche Wochen. Die Flugblatt-Affäre bestimmte bundesweit die Schlagzeilen. In dem Schulranzen des 16-jährigen Hubert befanden sich damals antisemitische Hetzschriften. Das hat er zugegeben. Sein Bruder soll sie vor rund 36 Jahren erstellt haben. Das hat dieser zugegeben. Welche Rolle der heutige stellvertretende Ministerpräsident tatsächlich in dieser Affäre gespielt hat, bleibt aber im Dunkeln. Der 52-jährige Aiwanger fiel in den vergangenen Wochen vor allem mit Erinnerungslücken auf. Die Schuld dafür, dass das Thema dermaßen hochkochte, schob er den Medien zu, sieht gar eine Kampagne gegen sich.

Doch er weiß auch: Für seinen Wahlkampf braucht er sie. „Ich versuche weiterhin, die Medien als Partner zu sehen“, sagt er darauf angesprochen in Schwandorf. Doch er schiebt auch gleich nach, dass er es schon so sehe, dass gewisse Parteien von gewissen Menschen gepusht würden, dagegen aber andere gewisse Politiker angegriffen. Politisch geschadet hat ihm diese Zeit bisher nicht – eher im Gegenteil. Der Mann, der fast immer den Vordereingang wählt, ist beliebt bei den Menschen in Bayern. Zuletzt schnellten die Freien Wähler in Umfragen zur Landtagswahl auf 17 Prozent und kämpfen mit den Grünen darum, wer hinter der CSU zweitstärkste politische Kraft im Freistaat wird. Bis 8. Oktober hat Aiwanger noch Zeit, dieses Rennen zu gewinnen.

Suche nach Konzentration

Um 19.48 Uhr steht der niederbayerische Politiker das erste Mal in der „Wahlarena“ – im Scheinwerferlicht, an dem Platz, an dem er gleich die Bürgerfragen beantworten soll. Die Verantwortlichen der Sendung erklären ihm, wie alles ablaufen wird. Die Stimmung ist gut und aufgelockert. Doch dann nimmt Aiwanger sein Jackett von der linken Schulter, krempelt sich die Ärmel am Hemd zurecht und zuckelt den Krawattenknoten in die bestmögliche Position. Das spitzbübische Grinsen ist aus seinem Gesicht gewichen, die Augen verengen sich. Aiwanger sucht nun die Konzentration. Um 20.15 Uhr werden sechs Kameras auf ihn gerichtet sein. Wahlkampf. Live. Ob er aufgeregt sei? „Man ist natürlich angespannt und sagt: Welches Publikum kommt auf einen zu?“ Der FreieWähler-Chef versichert sich noch einmal, ob er auch wirklich in die Maske muss. Die Redaktion ist dafür. Er wird dafür in einen Seitengang der großen Halle gelotst.

Es ist 20.52 Uhr. Die Sendung ist vorbei, und Aiwanger steht im Studio. Er ist umringt von Menschen und spricht mit einer Frau über die Probleme in der Pflege. Er bietet ihr an, dass sie ihm doch ihre Handynummer geben könne. Er wolle sich bei ihr melden. Denn tatsächlich würde er solche Telefonate meistens immer noch persönlich erledigen. Aber oft würden ihm die angerufenen Bürgerinnen und Bürger nicht gleich glauben. „Ist das hier ein Spaßanruf, ist das wirklich der Aiwanger?“ – das sei dann ihre Frage. Mit dem Publikum und dessen Themen war der bayerische Wirtschaftsminister zufrieden. „Die haben gesagt, sie haben ganz schlimme Leute ausgewählt. Aber Spaß beiseite: Es waren anständige Leute“, erklärt er. 

Ist er froh, dass eigentlich keine richtige Frage zur unschönen Flugblatt-Affäre gestellt wurde? „Irgendwann ist jedes Thema totgenudelt“, antwortet Aiwanger.

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