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16.10.2023
„Der Hubert“ und seine Freien Wähler mit einer Kampfansage Richtung Berlin

Bad Gögging (Der Neue Tag - 23.10.2023)

Nach der erfolgreichen Landtagswahl feiern die Freien Wähler ihren Chef Hubert Aiwanger wie einen Superhelden im Kino. Der lässt sich von der Stimmung dieses Mal nicht mitreißen, gibt aber ehrgeizige Ziele aus.

Am besten stellt man sich diese Landesversammlung der Freien Wähler eine Woche nach der Landtagswahl wie ein großes Familienfest vor. Hubert Aiwanger, das Oberhaupt der Sippschaft, hat eingeladen. Und weil es ordentlich was zu feiern gibt wegen der in einem Herzchen plakatierten 15,8 Prozent, sind alle gekommen und in prächtiger Laune. Dass sie das „dem Hubert“ zu verdanken haben, ist Allgemeingut hier im Saal „Wien“ eines Wellness-Hotels. Bevor Aiwanger überhaupt ein Wort gesagt hat, gibt es schon minutenlange stehende Ovationen für ihn.

Um zu beschreiben, auf welcher Wolke die Freien Wähler gerade schweben, lässt man besten ohnehin erst einmal andere zu Wort kommen. Zum Beispiel Ludwig Waas, Bezirkschef von Niederbayern. Er formuliert unter großem Beifall einen Anspruch, der weit über Bayern hinausgeht. Man breche nun gestärkt aus der Landes- in die Bundes- und Europapolitik auf. „Das sind unsere Zukunftsvisionen, die ganz nahe liegen“, sagt Waas. Aiwanger wird das später aufnehmen. „Die Landtagswahl war nur ein Zwischenschritt, um jetzt richtig loszulegen“, sagt er. Natürlich gehörten die Freien Wähler in den Bundestag. „Jawohl, wir müssen dort drin sein, weil wir das Chaos nicht mehr anschauen können“, wettert Aiwanger. Nicht zu kandidieren, wäre „unterlassene Hilfeleistung“.

In der „politischen Todeszone“

Aber noch einmal zurück zu den anderen Stimmen. Landtagsfraktionschef Florian Streibl erinnert daran, wie man 2008 beim ersten Einzug in den Landtag noch belächelt worden sei von den anderen. „Jetzt sind wir die zweitstärkste Kraft im Land“, drückt er die stolzgeschwellte Brust heraus. Einmal in Fahrt, redet er Aiwanger in einen Kinosuperheldenstatus. Mit den Vorwürfen wegen des Nazi-Flugblatts in seiner Schultasche vor 35 Jahren sei Aiwanger in die „politische Todeszone“ geschickt worden. Normalerweise komme von dort keiner mehr zurück, „aber du bist der erste in Deutschland, der das überlebt hat“, ruft Streibl ergriffen. Aiwanger sei für die Freien Wähler „das Gesicht, um das uns andere beneiden“. Nach der Stimmung im Saal zu schließen,kann es bis zur Heiligsprechung nur noch ein kleiner Schritt sein.

Eigentlich ein vernünftiger Kerl

Aiwanger selbst hat sich trotz aller Ovationen im Griff. Er überhöht sich auch nicht selbst, sondern dankt mehrfach in Wort und Tat seinen Mitarbeitern und der Basis. Kein nach rechts verrutschter Satz, keine Stichelei gegen die CSU, dafür bekannte politische Statements überwiegend sachlich vorgetragen. „Wir sind keine Scharfmacher“, betont er an einer Stelle. Im Gegenteil: „Wir sind die Urdemokraten, die seit Jahrzehnten vom Bürger aus Politik machen.“ Die Aiwanger-Versteher aus seinem Umfeld erklären das am Rande der Versammlung so: Im Wahlkampf sei es mit Aiwanger im Bierzeltdunst manchmal eben etwas durchgegangen, und als er zu Beginn der vergangenen Woche der CSU ein paar mitgegeben habe, sei noch das Adrenalin der Wahlnacht in seinen Adern gewesen. Ohne Dunst und Adrenalin, soll das wohl heißen, ist der Hubert eigentlich ein vernünftiger Kerl.

Am Ende schnappt sich Florian Streibl ein Mikrofon und fragt in den Saal, wer dafür sei, dass Koalitionsgespräche mit der CSU geführt werden. Alle sind dafür, eine Aussprache dazu gibt es nicht. Genauso wenig irgendwelche Vorgaben an Aiwanger, was er an Punkten in den Koalitionsvertrag hineinverhandeln müsse oder welche Posten die Freien Wähler in der Regierung beanspruchen sollten. Der Hubert wird’s schon richten.

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